Lösungsorientierung anstatt Problembehandlung

Neulich fragte mich eine Kollegin: „Vermisst du es nicht manchmal, dich mit dem Problem zu beschäftigen? Das kann doch auch ganz schön spannend und faszinierend sein, oder?“

Na klar kann es spannend sein, sich mit Problemen zu beschäftigen – vor allem, wenn es nicht die eigenen sind. Und es hat vielleicht auch einen gewissen Reiz, über deren Ursachen und worum es „eigentlich“ geht, zu spekulieren. Aber alle Antworten sind nichts anderes als Hypothesen – also im wörtlichen Sinne Unterstellungen, die wahr sein könnten, aber nicht bewiesen sind.

Nein, Probleme faszinieren mich nicht. Und anstatt Hypothesen über Probleme aufzustellen, interessiere ich mich als Lösungsorientierter Coach (und das finde ich dann faszinierend) für Lösungen – und seien sie auch noch so klein.

Wie das in der Praxis aussieht? Hier ein kleines Beispiel:

Frau S.* war für die Öffentlichkeitsarbeit in einem größeren Unternehmen zuständig. In ihrer Arbeit war sie abhängig von der Zusammenarbeit mit Herrn P., dem Geschäftsführer. Leider kam es immer wieder zu größeren Schwierigkeiten und Konflikten mit ihm, so dass sie sich für ein Coaching entschied.

Auf meine Frage nach ihren größten Hoffnungen für dieses Coaching berichtete sie mir sehr ausführlich über das Problem und die Schwierigkeiten mit Herrn P. Auch, was sie schon alles versucht hatte, um die Situation zu verbessern. Ich fragte sie, was von dem, was sie bereits versucht hatte, denn hilfreich gewesen war – und sei es nur ein kleines bisschen.

Darauf antwortete sie: „Eigentlich hat, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, bisher so gut wie nichts funktioniert. Das war immer nur für ein, zwei Tage, danach war wieder alles beim Alten. Es klappt einfach nicht. Ich habe noch nie einen so unreflektierten Geschäftsführer erlebt. Und dann immer wieder diese Meetings, in denen er mich öffentlich kritisiert und sein unhöflicher und abwertender Kommunikationsstil. Ich bin auch nicht die Einzige, mit der er so umgeht und die Schwierigkeiten mit ihm hat. Aber die anderen kommen damit besser klar. Vielleicht bin ich aber auch solchen Menschen einfach nicht gewachsen. Aber so kann es nicht weitergehen. Ich kann schon nicht mehr schlafen, weil ich denke ‚Oh Gott, morgen muss ich da wieder hin.‘ Meine Beziehung leidet auch schon, weil mich das alles so belastet.“

Wenn ich mir jetzt die Aussagen von Frau S. noch einmal anschaue, dann hätte es viele Möglichkeiten gegeben, der Faszination des Problems zu erliegen und genauer problemorientiert nachzufragen, wie z.B.:
Was denken sie, woran Ihre bisherigen Lösungsversuche gescheitert sind?
Was genau triggert Herr P. bei Ihnen, was löst er bei Ihnen aus?
Was blockiert Sie im Umgang mit Herrn P.?
Was macht das mit Ihnen, was fühlen Sie, wenn er Sie so behandelt?
Sie sagen, dass Sie nicht die Einzige sind, die Schwierigkeiten mit ihm hat. Welche Schwierigkeiten haben andere mit ihm?
Was glauben Sie, warum kommen andere besser damit klar als Sie?
Beschreiben Sie doch bitte mal genauer, welche Auswirkung Ihre Arbeitssituation auf Ihr Schlafverhalten / Ihre Beziehung hat.

Die Frage ist aber „WOFÜR“? Wofür sollte ich als Coach auf „Sightseeingtour“ durch die Problemwelt von Frau S. gehen, wenn sie doch eigentlich zu mir gekommen ist, um mögliche Lösungswelten zu erforschen und diese auch zu erreichen?

Achtung: Kleiner lösungsorientierter Test!

Was wäre eine angemessene lösungsorientierte Frage auf die Aussagen von Frau S.?

Hinweis: Im Lösungsorientierten Coaching betrachten wir unsere Kundinnen als Expertinnen für ihre Lösungen und achten sehr genau darauf, was sie uns gegenüber diesbezüglich kommunizieren.

Frau S. hat zwar sehr ausführlich das Problem mit Herrn P. beschrieben, aber sie hat auch gesagt: „Eigentlich hat, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, bisher so gut wie nichts funktioniert. Das war immer nur für ein, zwei Tage, danach war wieder alles beim Alten.“

Und genau diesen Punkt habe ich aufgegriffen und ihr geantwortet:

„Ich kann nachvollziehen, wie schwer die Situation für Sie sein muss und auch, wie wichtig es für Sie ist, etwas daran zu ändern. Sie sagten, dass es ein paar wenige Ausnahmen gab, die so gut wie nicht funktioniert haben oder nur ein bis zwei Tage angehalten haben. Erzählen Sie mir doch etwas genauer von diesen Ausnahmen. Wie haben Sie das geschafft? Was genau haben Sie vielleicht anders als sonst gemacht – auch wenn es, wie Sie sagen, nur ein bis zwei Tage gehalten hat?“

Sie fragen sich jetzt vielleicht: Aber was ist denn jetzt mit dem Problem?

Mit der problematischen Beziehung zu Herrn P.? Ihren Selbstzweifeln, Schlafstörungen und Beziehungsproblemen, usw.? All das brauchte ich in dieser Situation als Coach nicht zu verstehen, außer es als gute und nachvollziehbare Gründe zu würdigen, etwas verändern zu wollen.

Das Einzige, was für Frau S. entscheidend war: Es gab in der Vergangenheit bereits erfolgreiche Lösungsversuche, in denen sie der Situation und Herrn P. sehr wohl und sehr gut gewachsen war. Sie hatte diese aber aus irgendwelchen Gründen – die wir nicht vertieft haben – nicht fortgesetzt oder einfach vergessen. Im Laufe des Coachings fielen ihr auch noch viele weitere kleine und größere Erfolge ein.

Das Coaching beendete sie mit den Worten: Was für ein oder zwei Tage funktioniert, kann auch für drei oder vier Tage oder noch länger funktionieren, nicht wahr?

Ich verabschiedete eine gut gelaunte und sehr zuversichtliche Frau S. Einen weiteren Termin bräuchte sie erst mal nicht mehr, sie sei ja „wieder kompetent und auch, wie ich ja festgestellt habe, sehr kreativ“. Dem konnte ich nur zustimmen.

Und während ich das hier schreibe, denke ich, wie gut es ist, der Faszination des Problems zu widerstehen und stattdessen von den Kompetenzen, Stärken und Lösungen unserer Kundinnen und Kunden fasziniert zu sein. So einfach kann es manchmal sein.